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60% mehr
Performance...
…ergab das steuerungstechnische
Retrofit einer mechanisch noch gut erhaltenen Etikettenstanzmaschine. Getragen
wird der enorme Leistungsschub von einer Komplett-SPS mit integriertem Operator
Panel für komfortables Einrichten, einem modernen Umrichtersystem sowie einer
vom Automatisierer speziell entwickelten analogen Schrittmotorsteuerkarte.
Viele Maschinenbetreiber aus den
unterschiedlichsten Branchen stehen früher oder später vor dem gleichen
Problem: Die Mechanik ist noch bestens in Schuss, die Elektronik aber veraltet.
Die Ersatzteilbeschaffung wird mit den Jahren immer schwieriger und
kostspieliger. Kein auswegloser Fall, denn heute sind Retrofits,
Runderneuerungen der Elektro- und/oder Automatisierungstechnik oft eine
technisch und wirtschaftlich überzeugende Alternative zur Investition in völlig
neue Maschinen – ganz zu schweigen vom Aufwand für die Entsorgung der alten.
Vor dieser Wahl stand auch ein
Unternehmen aus dem Raum Karlsruhe, als sich an CNC-gesteuerten Etiketten-Brückenstanzmaschinen
(Baujahr 1985) der Blumer Maschinenbau AG steuerungsbedingte Störungen zu häufen
begannen. Die Produktion war schon vor mehreren Jahren eingestellt worden.
Ersatz für die CNC-Steuerung – noch mit einem der ersten
Mikroprozessoren, dem MC 6800, sehr heißen EPROMS und Bildröhrenmonitor
ausgestattet – ist heute kaum noch zu finden.
Es musste also ein neues Steuerungssystem
entwickelt oder ein geeignetes gefunden und integriert werden. Natürlich ohne
den laufenden Betrieb zu unterbrechen und ohne die eigentliche Stanzmaschine zu
verändern. Der Betreiber stellte sich einen kompatiblen Steuerschrank auf
neuestem Stand der Technik vor, der einfach den bisherigen ersetzt.
Weitere Wünsche: Der Hauptmotor für die
per Getriebe und Exzenterwelle umgesetzte Stanzhubbewegung sollte künftig über
einen modernen Frequenzumrichter angesteuert werden. Das Stanzwerkzeug wird mit
einem 2‑Phasen-Schrittmotor und Zahnriemen in X‑Richtung bewegt. Ein
zweiter Schrittmotor verfährt den Stanztisch mit den darauf liegenden Vorlagen
in Y‑Richtung. Die SPS sollte ferner die optimale Ausnutzung der
rechteckigen Vorlagen errechnen und 1.000 Stanzprogramme für diverse
Stanzwerkzeuge und Vorlagenformate speichern können, um diese dann über
fortlaufende Nummern abzurufen.
Komplette Standardsteuerung bevorzugt
Nach einem Kosten/Nutzen-Vergleich mit
einer PC-basierten Lösung einschließlich entsprechender Ein-/Ausgabekarten,
Stepper Motion Controller, Busleitungen und Schnittstellenmodulen entschied sich
der Anwender letztlich für eine Komplettsteuerung Simatic C7 635 Key von
Siemens.
Diese Kombination aus bewährter CPU
S7‑314C‑2 DP und integriertem Operator Panel OP 170 mit
Folientastatur und grafikfähigem Display bietet standardmäßig 24 digitale
Eingänge, 16 digitale Ausgänge, 4 analoge Eingänge und 2 analoge Ausgänge.
Dazu MPI- und Profibus-DP-Schnittstellen sowie technologische Funktionen. So
waren für die Umsetzung der Aufgabe keinerlei Zusatzgeräte, Busleitungen und
Kommunikationsprozessoren mehr erforderlich. Mit der Tastenbedienung der C7 635
Key konnten die vertrauten Bedienabläufe weitgehend fortgeführt werden, was
die Einarbeitung des Bedienpersonals sehr erleichterte und verkürzte.
Ausschlag gebende Argumente für das
Siemens-Produkt waren für den Maschinenbetreiber auch die schnelle Verfügbarkeit
sowie die zu erwartende Zuverlässigkeit und Langlebigkeit. Hinzu kam der günstige
Preis des seinerzeit angebotenen Pakets, das neben der Steuerung auch sämtliche
Hardwarekomponenten wie Steckerklemmen, PC-Adapter und RS232-Kabel, eine Micro
Memory Card sowie die Softwaretools Step 7, ProTool/Lite und die Dokumentation
enthielt. Der beauftragte Automatisierer profitierte zudem von der
Simatic-typischen Durchgängigkeit bei der Projektierung/Programmierung,
Kommunikation und Datenhaltung im Zusammenspiel mit dem Siemens-Umrichter
Micromaster 420.
Mit der Ausführung wurde die
Tirron-Elektronik GmbH aus Rheinau betraut. Das kleine, seit 1987 aktive
Unternehmen hat sich auf Elektronik, Automatisierungs- und Antriebstechnik,
eigene Hardwareentwicklungen, Schaltschrankbau, Reparaturen und Troubleshooting
spezialisiert. Die Bandbreite der Anwendungen reicht von Förder-
über Dosier- und Mischanlagen bis hin zu Entfettungs- und Destillationsanlagen,
auch im Ex-Bereich. Neu ist die Entwicklung und Herstellung von
Transversalflussmaschinen. Tirron-Elektronik wurde in diesem Fall
hinzugezogen, nachdem ein lokaler Dienstleister die Ursache der sich häufenden
sporadischen Störungen nicht lokalisieren konnte.
Von Tirron-Elektronik stammt auch der
zweite wesentliche Teil dieser Retrofit-Applikation, eine neu entwickelte
Schrittmotorsteuerkarte, die die Bewegungen des Stanzwerkzeugs und des Tischs
mit den vorhandenen Schrittmotoren deutlich schneller als bisher ausführt. Die
Karte im Europaformat erzeugt nicht-lineare, dem Drehmoment von Schrittmotoren
angepasste Beschleunigungs- und Verzögerungskurven. Außerdem sind darauf ein
spannungsgesteuerter Oszillator (VCO), Digitaleingänge für Start/Stopp,
Beschleunigung/Verzögerung und Einzelschritt sowie die Begrenzung der maximalen
Frequenz/Drehzahl durch einen Analogeingang von 0‑10 V für zwei
Schrittmotoren integriert. Die Startfrequenz lässt sich von 300 bis 600 Hz
einstellen, die maximale Frequenz beträgt in diesem Fall 6 kHz.
Tirron hat das Zusammenspiel von
Komplettsteuerung und Schrittmotorsteuerkarte denkbar einfach organisiert.
Funktionen, die sich leichter in Analogtechnik aufbauen ließen, wie die Rampe für
Beschleunigung und Verzögerung oder der spannungsgesteuerte Oszillator, sind
auf der Schrittmotorsteuerkarte zu finden. Digitale Funktionen, wie das Zählen,
Vergleichen, Speichern, Rechnen und Verknüpfen, werden dagegen beim zyklischen
Abarbeiten des Anwenderprogramms in der CPU der Komplettsteuerung ausgeführt.
So sind insgesamt nur sechs Verbindungen zwischen beiden Komponenten
erforderlich: Die digitalen Ausgänge „Start/Stop“, „Beschleunigen/Verzögern“,
„Einzelschritt“, sowie die digitalen Eingänge „Stoppen möglich“ und
„Takteingang“, außerdem ein Analogausgang für die Begrenzung der
Maximaldrehzahl. Die Drehrichtungsbefehle gehen direkt zu den Leistungsendstufen
der Schrittmotoren.
Von den integrierten technologischen
Funktionen der Simatic C7 635 werden nur zwei der vier 60 kHz
schnellen Zähler für die Erfassung der Schrittfrequenz, beziehungsweise der
Positionen der beiden Schrittmotoren genutzt. Bei Bedarf könnten also zwei
weitere Achsen darüber erfasst und gesteuert werden. Die ebenfalls in die
Steuerung integrierten Möglichkeiten der Pulsweitenmodulation, der
Frequenzmessung, für gesteuertes Positionieren sowie für Regelungsaufgaben
wurden in diesem Fall nicht benötigt.
Schneller und komfortabler
eingerichtet denn je
Mit der Projektierungssoftware
ProTool/Lite
generierte der Automatisierer eine einfache Bedienoberfläche, die alle
Erfordernisse des Stanzbetriebes abdeckt. Vom
Übersichtsbild kann über Funktionstasten auf Bedienbilder für Handbetrieb,
Referenzfahren, Automatikbetrieb, Stanzprogrammeingabe und Maschinendaten
umgeschaltet werden.
Zur
Eingabe von Stanzprogrammen gibt es eine einfache
Bildmaske, in die nur wenige Eckdaten eingetragen werden müssen: Formatlänge
und ‑breite, Stanzwerkzeuglänge und ‑breite, Randbreiten an allen
Seiten, Anzahl der Formate nebeneinander sowie die Stanzprogrammnummer mit einer
Werkzeugbezeichnung. Die Eingabe eines kompletten Stanzprogramms an der C7-635
dauert so nur noch gut eine Minute. Mit der alten Steuerung mussten sämtliche
Verfahrwege immer von Hand berechnet und eingegeben, teilweise sogar jede
einzelne Stanzposition in eine Tabelle eingetragen werden, was jeweils 20
Minuten und mehr in Anspruch nahm.
Neben der Einrichtzeit reduzierte sich
auch die Datenmenge, und dies in erheblichem Umfang, sodass die 1.000 vom
Betreiber geforderten Stanzprogramme in Datenbausteinen auf einer steckbaren
Micro Memory Card (MMC) mit 128 kB Speicher (ausbaufähig bis 8 MB)
Platz finden. Von dort könnten sie bei Engpässen auch auf eine andere Maschine
mit gleicher Steuerung übertragen werden.
Nach Eingabe einer Stanzprogrammnummer
und Bestätigung durch die Eingabetaste (Enter) wird das Stanzprogramm aus der
MMC geholt und angezeigt. Alle Daten können dann editiert werden, wobei das
System die resultierenden Folgewerte sofort zur Kontrolle anzeigt. Beim
Verlassen der Stanzprogrammeingabe werden die Stanzdaten im aktuellen
Datenbaustein gespeichert und zurück auf die MMC übertragen. Die Berechnung
der ersten Stanzposition und der Verfahrwege für die Schrittmotoren erfolgt
dann im Step‑7-Programm. Ergebnisse werden in einem Globaldatenbaustein
gespeichert und im Automatikbetrieb verwendet.
Schneller und sanfter
Ein auf die Performance durchschlagender
Vorteil der neuen Lösung ist, dass das Stanzjoch bei sehr großen Verfahrwegen
der Schrittmotoren von bis zu 300 mm nicht mehr bei jedem Stanzhub über
Kupplung und Bremse kurz angehalten werden muss. Stattdessen reduziert der
Frequenzumrichter lediglich die Drehzahl des Hauptmotors. Der Asynchron-Motor
hat eine Nenndrehzahl von 1.405 U/min bei 50 Hz und kann mit einer
variablen Frequenz von bis zu 80 Hz (oder 2.248 U/min) betrieben
werden. Die jeweiligen Drehzahl als Funktion der Verfahrwege der Schrittmotoren
wird im Step‑7-Programm in der CPU 314C‑2 DP errechnet und
über den zweiten Analogausgang der Steuerung direkt zum Frequenzumrichter übertragen.
Durch all diese Maßnahmen konnte die
Zahl der Stanzhübe im Vergleich zur bisherigen Lösung um bis zu 60% erhöht
werden – bei deutlich reduziertem Verschleiß von Kupplung und Bremse und ohne
feststellbare Mehrbelastung der anderen mechanischen Komponenten.
Die
Modernisierung der Stanzmaschinen mit Simatic C7‑635, Micromaster 420 und
Sicherheitstechnik von Siemens sowie der Schrittmotorsteuerkarte von
Tirron-Elektronik ist zwischenzeitlich keine Einzellösung mehr. Der Betreiber
ist mit der neuen Steuerung derart zufrieden, dass er inzwischen die Umrüstung
von zwei weiteren Stanzmaschinen nach gleichem Muster in Auftrag gegeben hat.
„Wir
sind überzeugt,“ so Dipl.-Ingenieur Hans Schütz, Inhaber der
Tirron-Elektronik GmbH, „dass diese Lösung Modellcharakter für ähnliche
Anwendungen im Bereich einfacher, numerisch gesteuerter CNC-Maschinen mit bis zu
vier Achsen hat.“ Auch die Blumer Maschinenbau AG, die bei der Umrüstung
unterstützend zur Seite stand, hat sich bereits positiv über das neue
Steuerungssystem geäußert und will bei gegebenem Anlass auf das mittlerweile
erprobte Konzept zurückgreifen.
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